Während die Nutzung des Mediums Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten selbstverständlich geworden ist, wird seit etwa zehn Jahres ein Phänomen beobachtet, das "pathologischer Computer- oder Internetgebrauch" genannt wird. Es zeichnet sich bei den Betroffenen durch eine exzessive Computer- und Internetnutzung aus, die bis hin zu einem Abhängigkeitsverhalten reichen kann. Einen besonders breiten Raum nimmt dabei die Online-Computerspielsucht ein, d. h. die Abhängigkeit von im Internet angebotenen und dort gespielten Onlinespielen. Obwohl die Suchtberatungsstellen in den letzten Jahren eine steigende Nachfrage in der Behandlung dieser Störung verzeichnen, ist noch nicht abschließend geklärt, wann tatsächlich von einem Abhängigkeitsverhalten zu sprechen ist. Belegt ist, dass die reine Nutzungszeit kein belastbares Kriterium für einen pathologischen Internetgebrauch ist. Hinzu müssen vielmehr andere Faktoren kommen, die in der Regel in der Person des Betroffenen liegen. Von einer Suchterkrankung wird man erst dann sprechen können, wenn das Spielen derart exzessiv betrieben wird, dass andere Anforderungen des täglichen, sozialen und beruflichen Lebens völlig vernachlässigt werden. Es muss sich eine Unfähigkeit des Betroffenen zeigen, trotz Kenntnis des schädlichen Gebrauchs seine Internetnutzung zu kontrollieren. Aktuelle internationale Studien, die vorwiegend Jugendliche befragten, stufen zwischen 1,6% und 8,2% der Internetnutzer als "abhängig" ein. Für Deutschland fehlt es aktuell an validen Daten aus einer umfassenden, längerfristig angelegten Studie. In der Regel sind Jugendliche und junge Erwachsene häufiger betroffen.. Onlinesucht ist aber nicht das Problem bestimmter gesellschaftlicher Schichten; sie kommt in allen sozialen Gruppen vor.
Menschen mit pathologischem Internetgebrauch weisen häufig andere psychische Erkrankungen, sogenannte komorbide Störungen auf. Dies sind in der Mehrzahl Depressionen, affektive Störungen, ADHS, aber auch Substanzmissbrauch in Form von Alkohol und Nikotin.
Studie zu den Beratungs- und Behandlungsangeboten zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland
Von 2008 bis Ende 2010 förderte das BMG die Forschungsstudie „Beratungs- und Behandlungsangebote zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland“ mit dem Ziel, eine aktuelle Übersicht des Forschungsstandes zum pathologischen Internetgebrauch und ein Überblick über die Versorgung durch Beratungs- und Behandlungsangebote in Deutschland zu erhalten. Für die systematische Übersicht der vorliegenden Studien wurden insgesamt 87 Studien analysiert. Die Übersicht lässt darauf schließen, dass sich die Auffassung des pathologischen Internet-gebrauchs als Suchtstörung in Analogie zu substanzbezogener Abhängigkeit in der internationalen Forschung durchzusetzen scheint. Den Ergebnissen der Studie zufolge verfügten 52 von 138 befragten ambulanten und stationären Einrichtungen der Sucht- und Drogenhilfe über ein spezifisches Angebot für Menschen mit pathologischem Internetgebrauch. Allerdings gaben nur 11% der Einrichtungen an, spezifische Fragebögen für den pathologischem Internetgebrauch einzusetzen. Anhand festgelegter Kriterien wurden aus den Einrichtungen, die an der Breitenbefragung teilgenommen hatten, 22 „good-practice“-Einrichtungen ausgewählt, die an einer Tiefenbefragung teilnahmen. Die aktuell vorherrschenden Standards und Vorgehensweisen in der Diagnostik und Beratung/Behandlung von Menschen mit pathologischem Internetgebrauch wurden so im Detail abgebildet. Die dritte und letzte Phase der Datenerhebung des Forschungsprojektes fand in Form einer Expertentagung statt. Ausgewiesene Expertinnen und Experten in der Behandlung von Menschen mit pathologischem Internetgebrauch erörterten die Ergebnisse der Breiten- und Tiefenbefragung, differenzierten die vorliegenden Erkenntnisse und entwickelten Impulse zur Weiterentwicklung der aktuellen Versorgungssituation.
Ergänzend dazu wurden in Broschürenform verfügbare Informationsmaterialien zu pathologischem Internetgebrauch identifiziert und bewertet. Insgesamt wurden 83 Broschüren identifiziert. 23 Broschüren informieren über ein spezielles Behandlungs-angebot. Bei den Materialien ohne Bindung an ein Behandlungsangebot fiel auf, dass etwa ein Drittel keine Hinweise über den adäquaten Umgang mit pathologischem Internetgebrauch gibt. Der deutlich überwiegende Teil – insbesondere auch der umfangreicheren Broschüren – wendet sich an Angehörige und Kontaktpersonen von Betroffenen. Broschüren für Betroffene sind selten, darunter insbesondere solche für jugendliche Betroffene.
Forschungsprojekt „Exzessive Mediennutzung von Patienten in der Rehabilitation Suchtkranker“ des Bundesverbands stationärer Suchtkrankenhilfe e.V. (‚buss’)
Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage, wie viele Patientinnen und Patienten in der Medizinischen Rehabilitation für Suchtkranke zusätzlich zu ihrer jeweiligen Suchterkrankung eine Störung ihres Computerspiel- oder Internetnutzungsverhalten aufweisen. Die dazu vorliegenden Vermutungen gingen davon aus, dass bei bis zu 10 % der Patientinnen und Patienten eine solche exzessive Mediennutzung vorliegt, ohne dass diese eindeutig identifiziert und adäquat behandelt wird.
Im Rahmen des Projekts wurden in 15 Einrichtungen der Medizinischen Rehabilitation mit Erfahrung in der Behandlung nicht-stoffgebundener Suchtformen insgesamt 1.826 Patienten untersucht, um den quantitativen und qualitativen Umfang des Problems in der stationären Therapie bestimmen zu können. Grundlage dafür war das bereits erprobtes Diagnostik-Instrument der „Sabine Grüsser-Sinopoli Ambulanz für Spielsucht“ im Kompetenzzentrum Verhaltenssucht der Universitätsmedizin Mainz, dessen Nutzen für die diagnostische und therapeutische Praxis in den Einrichtungen der Medizinischen Rehabilitation zugleich überprüft werden konnte.
Die Untersuchung ergab, dass 4,1 % der untersuchten Patienten die Kriterien einer entsprechenden Medienproblematik bzw. Internetsucht erfüllten; weitere 8,9 % wurden als riskante Nutzer klassifiziert.
Die Ergebnisse legen nahe, die Patientinnen und Patienten in stationären Einrichtungen mit Behandlungserfahrungen nicht-stoffgebundener Suchtformen grundsätzlich im Hinblick auf eine mögliche Medien bzw. Internetsucht zu untersuchen und eine vorliegende entsprechende Störung im Therapieverlauf zu berücksichtigen. Abschlussbericht
Modellprojekt ESCapade
Bislang mangelt es im ambulanten Suchthilfesystem an spezialisierten Beratungs- und Hilfsangeboten für pathologische Computernutzer und ihre Angehörigen. Vor allem Eltern wenden sich inzwischen häufig an Beratungsstellen mit der Frage, ob bei ihren Kindern ein problematisches Verhalten vorliegt. Seit Oktober 2010 fördert das BMG deshalb das auf zwei Jahre angelegte Modellprojekt ESCapade, das eine kurzzeitige familienorientierte Intervention bei Jugendlichen mit problematischer Internetnutzung erprobt. Das Projekt wird von der Drogenhilfe Köln Projekt gGmbH durchgeführt und finden bundesweit an fünf Standorten statt. Zielgruppe ist die Minderheit der jungen Internetnutzer, die ihre Nutzung des Internets anscheinend nicht adäquat hinsichtlich Häufigkeit und Dauer kontrollieren kann. Diese "pathologischen Nutzungsmuster" behindern die Entwicklung von Problemlöse-kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen. Dies wiederum gilt als Risikofaktor für die Genese von Abhängigkeitskrankheiten im Erwachsenenalter. Im Rahmen des Projekts wird ein zielgruppenspezifisches und familienorientiertes Interventions-programm für Jugendliche mit problematischer Computernutzung entwickelt und an fünf Standorten erprobt. Kernzielgruppe sind Familien mit Kindern im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Die Wirksamkeit des Programms wird wissenschaftlich evaluiert. Mit den Ergebnissen des Modellprojekts ist Ende 2012 zu rechnen.
Forschungsprojekt PINTA
Die vom Bundesministerium für Gesundheit seit Ende 2010 geförderte repräsentative Studie „Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA)“ der Universität Lübeck und der Universität Greifswald beziffert zum ersten Mal in Deutschland die Häufigkeit der Internetabhängigkeit in Deutschland. Etwa 1 Prozent der 14- bis 64-jährigen in Deutschland werden als internetabhängig eingestuft. 4,6 % der 14- bis 64-Jährigen werden als problematische Internetnutzer angesehen. In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Internetnutzer. Pressemitteilung Abschlussbericht Kurzbericht
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