Lotsennetzwerk Thüringen

„Rettendes Ufer“ für Suchtkranke  in Sicht!

Suchterfahrene zeigen Menschen mit Suchtproblemen den Weg aus dem Teufelskreis

Suchtkranke Menschen sind oftmals in einem Teufelskreis gefangen, haben dabei die Orientierung verloren und wissen nicht, wie sie einen Ausweg ansteuern und finden können. In dieser Situation kann es hilfreich sein, einen Lotsen oder eine Lotsin an der Seite zu haben, der oder die den Teufelskreis kennt und aus eigener Erfahrung weiß, welche Route nach draußen führen kann.

Lotsen sind Sucht erfahrene Menschen, die andere Suchtkranke oder deren Angehörige auf dem Weg aus der Sucht für eine bestimmte Zeit begleiten und ihnen dabei helfen, das „rettende Ufer“ zu erreichen. Lotsen sind Unterstützer, keine Retter! Sie sind freiwillig und ehrenamtlich im Lotsennetzwerk tätig, arbeiten mit den beruflichen Fachkräften der Kliniken und Suchtberatungsstellen zusammen und beraten die Hilfe suchenden Patienten vor allem in der kritischen Anfangsphase unmittelbar nach einer Entgiftungsbehandlung. Gerade in dieser Phase kommen Alkohol-Rückfälle besonders oft vor und verbauen den Weg aus der Sucht durch z. B. weitere Behandlungen und Hilfemaßnahmen der beruflichen Suchthilfe und der Suchtselbsthilfe.

Eine Idee wurde Wirklichkeit

Dank der Förderung der Aktion Mensch, der AOK PLUS und des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit sowie vieler anderer Unterstützer konnte die aus Brandenburg stammende Idee des Lotsennetzwerks in Thüringen umgesetzt werden. Mittlerweile sind 73 Lotsinnen und Lotsen geschult, begleiten Hilfe Suchende und schließen mit dem Netzwerk eine Lücke in der Versorgung suchtkranker Menschen und deren Angehörigen.

Der Projektleiter, Frank Hübner, „spinnt“ die Fäden des Netzwerkes, damit es funktionieren kann. Die Hauptakteure im Netzwerk sind die Lotsinnen und Lotsen, die er aus den Gruppen der verbandsübergreifenden Suchtselbsthilfe gewinnt. Das Netzwerk ist nur wirksam, wenn dort Lotsen und Lotsinnen tätig sind, die an ihrer Aufgabe wachsen und nicht zerbrechen. Deshalb organisiert der Projektleiter Schulungen sowie Praxisbegleitungen und führt diese selbst sowie mit anderen Referenten/-innen durch. Er betreibt „Lotsenpflege“ und informiert die Öffentlichkeit über das Projekt. Schließlich gewinnt er weitere Partner, wie Klinikmitarbeiter/-innen, Suchtberater/-innen, Hausärzte/-innen u. a., die zur Umsetzung der Idee unerlässlich sind.

Miteinander statt gegeneinander

Das Thüringer Lotsennetzwerk funktioniert, weil die unterstützenden Akteure den Hilfe suchenden Menschen im Blick haben und nicht in Konkurrenz mit anderen stehen. Es bietet die große Chance, Suchthilfe und Selbsthilfe zusammen zu bringen und die Ressourcen der jeweiligen Partner nutzbar zu machen. Die Lotsen kommen aus den unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen, Selbsthilfeverbänden- bzw. –organisationen wie z. B. Kreuzbund, Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, Guttempler, Blaukreuz, Anonyme Alkoholiker usw. und arbeiten unabhängig von Konfessionen und verbandlichen Leitlinien zusammen. Bei all dem Miteinander braucht es einen Projektleiter, der als Navigator die Lotsen durch die „Fahrrinne“ bringt und entsprechende Unterstützer zur Seite stellt, damit niemand im Fahrwasser ertrinkt.

Das Lotsennetzwerk in Thüringen ist erfolgreich

Neben vielen anderen Hilfeeinrichtungen für suchtkranke Menschen und deren Angehörigen ist das www.lotsennetzwerk.de ein weiteres Angebot, das vor allem die Menschen erreichen soll, die eine Unterstützung benötigen bzw. wollen. Je früher diese Menschen erreicht werden, umso größer sind die Chancen, an das „rettende Ufer“ zu gelangen und dem Teufelskreis Sucht zu entkommen. Dadurch können Folgekrankheiten, Unfälle und Arbeitsausfälle, die für die Betroffenen und deren Angehörigen viele Leid und für die Gesellschaft hohe Kosten verursachen, vermieden werden. Zwei Drittel der Menschen, die von einem Lotsen oder einer Lotsin begleitet wurden, konnten in das Hilfesystem bzw. in Selbsthilfe vermittelt und in die Gesellschaft integriert werden.

Ein Betroffener berichtet …

Vom Thüringer Lotsennetzwerk habe ich erstmals während des  Aufenthaltes in einer Fachklinik erfahren. Bei Erkrankungen des Körpers ist die Medikation wichtig, bei der Behandlung von Suchterkrankungen sind die Menschen entscheidend. So war es jedenfalls in meinem Fall. Eine aufmerksame Psychologin, mit der ich bereits sehr gute Gespräche geführt hatte, drückte mir ein Informationsfaltblatt mit der freundlich-nachdrücklichen Aufforderung in die Hand, mir  Gedanken über das „danach“ zu machen, also mich selbstverantwortlich um die Zeit nach der Entlassung aus dem mehr oder minder geschützten Raum der Klinik zu kümmern.

Mit großer Sicherheit hatte die Psychologin eine Schwachstelle getroffen, denn wie es nach den sechs Wochen Klinik weitergehen konnte/sollte, war mir bis dahin reichlich unklar. Nur eines war sicher: Ich würde wieder in der Wohnung allein sein, ich würde wieder am Grab stehen und hilflos mit meiner Trauer sein, und ich würde wahrscheinlich nach kurzer „Schamfrist“ dort weitermachen, wo ich „auf sehr hohem Niveau“ aufgehört hatte. Allein würde ich es (wieder) nicht schaffen, und ich wusste auch: nochmals würde ich die Tiefsee nicht überleben. Dem Ende der Therapiezeit zitterte ich mehr entgegen, als das ich es erwartete oder gar herbeisehnte. In einem Wort: Ich hatte Angst vor der Freiheit und vor der Verantwortung für mich selbst. Jeden Tag Aufenthaltsverlängerung hätte ich freudig angenommen. Mir war jeder Strohhalm recht, an dem ich mich festhalten konnte, und der mir vielleicht den Weg in die Sackgasse versperren würde, die ich bereits in- und  auswendig kannte.

Das Faltblatt erwies sich als Schlüssel. Über die Klinik gelang der Kontakt zu einem Lotsen aus dem Freundeskreis Ohrdruf, mit dem dann ein erster Gesprächstermin vereinbart wurde. Ein Termin zum Kennenlernen, zum „Abtasten“, um herauszufinden, ob die „Parteien“ miteinander können und wollen. Niemand ist gezwungen, dieses Angebot anzunehmen; in meinem Fall kam es zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ob ich tatsächlich aus eigenem Antrieb und aus Einsicht eine Selbsthilfegruppe gesucht hätte, steht dahin; letztendlich war ich froh, dass mir diese Entscheidung abgenommen wurde.

Bei diesem Treffen wurde bereits ein Betreuungsvertrag abgeschlossen. Für mich war entscheidend, im Krisenfall (und auch sonst) mit dem Lotsen  immer einen Ansprechpartner zu haben, durch ihn nahtlos in eine Selbsthilfegruppe eingebunden zu sein (deren Mitglied ich inzwischen bin) und damit vor allem schon in der Klinik die Gewissheit zu besitzen, nach der Entlassung nicht allein auf „rauer See“ zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen, wie ich sie auch von Betroffenen in der Klinik gehört habe: Der Lotse –oder die Lotsin- stehen nicht täglich unangemeldet an der Wohnungstür, um das trockene Wohlverhalten zu überprüfen. Das entspricht nicht ihrer Aufgabe und ihrem Selbstverständnis, aber sie können sich durchaus von Kurs und Zustand des von ihnen betreuten „Schiffes“ ein Bild machen, z.B. über die Selbsthilfegruppe. Einen persönlichen Kontakt zu Hause sieht der Betreuungsvertrag nur in Krisensituationen vor.

Um im Bild zu bleiben: Kurs und Navigation durch und mit dem Lotsen (und der SH-Gruppe) haben gestimmt. Nach jetzt über zweijähriger „freier“ Fahrt ist das Schiff nicht wieder Leck geschlagen. …

 

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