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Computerspiel- und Internetsucht

Die Nutzung von Computer und Internet ist in der breiten Bevölkerung sowohl im Privatleben als auch in der Arbeitswelt selbstverständlich, hilfreich und unproblematisch. Allerdings wird seit etwa zehn Jahren das Phänomen der exzessiven Computerspiel- oder Internetnutzung thematisiert. Unter verschiedenen Begriffen wie „Computerspielabhängigkeit“, „pathologischer Internetgebrauch“ oder „Internetsucht“ werden derzeit internetbezogene mediennutzungsbezogene Verhaltensweisen zusammengefasst.

Derzeit wird in der Wissenschaft untersucht, inwieweit extreme Formen der Mediennutzung tatsächlich zum Erleben klinisch relevanter Symptome und Beeinträchtigungen führen und somit in bestimmten Fällen als Ausdruck einer psychischen Störung zu verstehen sind. Nach derzeitiger Mehrheitsauffassung werden die neu erforschten Störungsbilder im Bereich der Computerspiel-

und Internetnutzung den stoffungebundenen Suchterkrankungen (Verhaltenssüchten) zugerechnet. Während für den Bereich des Computerspielens weitgehende Einigkeit besteht, dass dieses Verhalten deutliche Parallelen zu einem Suchtverhalten aufweist, ist derzeit noch nicht geklärt, ob verschiedene weitere internetbezogene Verhaltensweisen wie die Nutzung sozialer Netzwerke, Chatten oder die Informationssuche ebenfalls den Verhaltenssüchten zuzuordnen sind.

Ein wichtiger Schritt zur Klärung der Frage, wann eine Computerspielnutzung mit Krankheitswert vorliegt, erfolgte 2013 durch die Expertengruppe für die fünfte Revision des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-5) der American Psychiatric Association (APA). Da Belege zu Störungen mit Krankheitswert vor allem im Bereich der pathologischen Nutzung von Computerspieleng vorliegen, wurde die Störung entsprechend auf diese begrenzt und im Sinne einer Forschungsdiagnose als „Internet Gaming Disorder“ bezeichnet. Die Diagnose kann somit nur für die pathologisch betriebene Nutzung von Video- oder Computerspielen vergeben werden, und zwar unabhängig von der genutzten Plattform (z. B. PC, Spielkonsole, Smartphone) sowohl für Onlinespielnutzung (Spiele mit aktiver Internetverbindung) als auch Offlinespielnutzung (Spiele ohne aktive Internetnutzung).

Andere Formen pathologischer PC-Nutzung  (z.B. sozialer Netzwerke oder Online-Pornographie) gelten demnach zum jetzigen Zeitpunkt als noch nicht hinreichend untersucht.

Studie Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA)

Die vom Bundesministerium für Gesundheit seit Ende 2010 geförderte repräsentative Studie „Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA)“ der Universität Lübeck und der Universität Greifswald beziffert zum ersten Mal die Häufigkeit der Internetabhängigkeit in Deutschland. Etwa 1 Prozent der 14- bis 64-jährigen in Deutschland werden demnach als internetabhängig eingestuft. 4,6 % der 14- bis 64-Jährigen werden als problematische Internetnutzer angesehen. In der Regel sind Jugendliche und junge Erwachsene häufiger betroffen. In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Internetnutzer. Abschlussbericht Kurzbericht.

Studie PINTA- DIARI

Zur weiteren Festigung der Zahlen hat das Bundesministerium für Gesundheit die Folgestudie "Prävalenz der Internetabhängigkeit – Diagnostik und Risikoprofile (PINTA-Diari) gefördert. Die Studie hat die ersten Schätzungen bestätigt und geht davon aus, dass 1 % der 14-65-Jährigen internetabhängig ist. In der Studie gaben 37 Prozent der befragten Abhängigen an, dass sie hauptsächlich Online-Spiele spielten, während weitere 37 Prozent der Abhängigen in sozialen Netzwerken aktiv waren. 27 Prozent nutzten andere Internetanwendungen. Insgesamt betrachtet sind Männer und Frauen fast gleichermaßen von Internetabhängigkeit betroffen. Deutliche Unterschiede bestehen allerdings in der Art der exzessiven Internetnutzung: Während abhängiges Computerspielen primär bei Männern anzutreffen ist, sind Frauen eher von der Nutzung Sozialer Netzwerke abhängig. Kurzbericht Kompaktbericht.

Pilotstudie iPin- intervenieren bei Problematischer Internetnutzung – Frühe Maßnahmen bei Risikogruppen

Problematischer und pathologischer Internetgebrauch stellen ein häufiges Problem dar. Immer mehr Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihrer Zeit im Internet und ein Teil von ihnen vernachlässigt andere Lebensbereiche. Insbesondere Arbeitslose haben ein erhöhtes Risiko, ein entsprechendes Suchtverhalten zu entwickeln. Ziel der iPin-Pilotstudie war die Entwicklung einer sekundärpräventiven Intervention für diese Risikogruppe, mit der Arbeitslose mit ersten Anzeichen einer problematischen Internetnutzung bereits frühzeitig durch Kurzinterventionen zu einer Änderung ihrer problematischen Internetnutzung bewegt werden sollen.
Kurzbericht
Abschlussbericht

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Modellprojekt ESCapade

Von 2010 bis Ende 2012 förderte das BMG das Modellprojekt „ESCapade - Familienorientierte Intervention bei problematischer Computernutzung“ der Drogenhilfe Köln. ESCapade wendet sich an Familien mit jugendlichen Kindern mit exzessiver Computernutzung mit dem Ziel, durch eine familienbezogene Stressreduktion und Regelimplementierung eine Internetabhängigkeit zu vermeiden. Das Programm wurde an fünf Standorten in Deutschland (Berlin, Freising, Lörrach, Köln und Schwerin) umgesetzt und wissenschaftlich begleitet. Die Projektleitung und -koordination lag bei der Fachstelle für Suchtprävention der Drogenhilfe Köln gGmbH; die wissenschaftliche Begleitung und Wirksamkeitsüberprüfung erfolgte durch das Deutsche Institut für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP) der Katholischen Hochschule NRW (KatHO Köln).

ESCapade hat sich als geeignetes und erfolgreiches Präventionsprogramm erwiesen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung zeigen, dass sich durch die Teilnahme am Programm sowohl die Situation der Jugendlichen als auch der Familiensysteme positiv verändert hat.

Weil viele Fachkräfte im sozialen und therapeutischen Bereich, die für Prävention und Behandlung exzessiver Computer- und Internetnutzung in Frage kommen, dafür bislang aber unverändert nicht ausreichend fortgebildet sind, sowie aufgrund der hohen Nachfrage nach Schulungen oder Fortbildungen in Sachen ESCapade aus dem sozialen Bereich, hat das Bundesministerium für Gesundheit die Drogenhilfe Köln beim Transfer von ESCapade in acht Bundesländer seit dem Frühjahr 2013 unterstützt.

Insgesamt wurden im Zeitraum zwischen Mai und Oktober 2013 bundesweit insgesamt acht dreitägige Qualifizierungen an zentralen Orten durchgeführt. Um eine möglichst breite Implementierung des Programms zu gewährleisten, wurden ESCapade-geschulte Fachkräfte auch über die Qualifizierungen hinaus unterstützt, zum Beispiel durch telefonisches Coaching und ein eigens eingerichtetes Internetforum für diese Fachkräfte. Darüber hinaus wurde durch die Erweiterung des Konzepts um eine zusätzliche, „schlankere“ Version für Beratungsstellen mit geringeren personellen Ressourcen die Möglichkeit geschaffen, das ESCapade – Programm flexibel an die Voraussetzungen der Praxisstellen anzupassen.

Abschlussbericht und Kurzbericht zu ESCapade.
Abschlussbericht und Kurzbericht zu ESCapadeTransfer
www.escapade-projekt.de/

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Safer Internet Day

Auf Initiative der Europäischen Kommission finden seit 2003 im Rahmen des "Safer Internet Day" weltweit Veranstaltungen und Aktionen zum Thema "Sicherheit im Netz" statt. In Deutschland initiiert und koordiniert "klicksafe" – eine gemeinsames Projekt der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz (Projektkoordination) und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). die nationalen Aktivitäten. "klicksafe" ist eine Sensibilisierungskampagne zur Förderung der Medienkompetenz im Umgang mit dem Internet und den neuen Medien im Auftrag der Europäischen Kommission.

Weitere Informationen zum "safer internet day" unter http://www.klicksafe.de/ueber-klicksafe/safer-internet-day/sid-2014/

 

 

Handbuch: Let´s play Methoden zur Prävention der Medienabhängigkeit

Anlässlich des Safer Internet Days 2013 am 5. Februar 2013 ist das Handbuch Fachverbands Medienabhängigkeit e.V. "Let´s Play Methodenhandbuch zur Prävention der Medienabhängigkeit" für Pädagogen, Erzieher und andere Multiplikatoren erschienen, dessen Erstellung vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wurde. Das Handbuch bietet einen Einblick in die Thematik der Medienabhängigkeit – auch ohne großes Vorwissen und zusätzlichen Arbeitsaufwand. Es gibt hilfreiche Anregungen und zeigt den Verantwortlichen erprobte Methoden auf, wie sie mit den Jugendlichen über ihren Medienkonsum ins Gespräch kommen. Es werden Vorschläge gemacht, wie sie sich auf spielerische Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen können.

Methodenhandbuch

 

Studie zu den Beratungs- und Behandlungsangeboten zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland

Von 2008 bis Ende 2010 förderte das BMG die Forschungsstudie „Beratungs- und Behandlungsangebote zum pathologischen Internetgebrauch in Deutschland“ mit dem Ziel, eine aktuelle Übersicht des Forschungsstandes zum pathologischen Internetgebrauch und ein Überblick über die Versorgung durch Beratungs- und Behandlungsangebote in Deutschland zu erhalten. Für die systematische Übersicht der vorliegenden Studien wurden insgesamt 87 Studien analysiert. Die Übersicht lässt darauf schließen, dass sich die Auffassung des pathologischen Internet-gebrauchs als Suchtstörung in Analogie zu substanzbezogener Abhängigkeit in der internationalen Forschung durchzusetzen scheint. Den Ergebnissen der Studie zufolge verfügten 52 von 138 befragten ambulanten und stationären Einrichtungen der Sucht- und Drogenhilfe über ein spezifisches Angebot für Menschen mit pathologischem Internetgebrauch. Allerdings gaben nur 11% der Einrichtungen an, spezifische Fragebögen für den pathologischem Internetgebrauch einzusetzen. Anhand festgelegter Kriterien wurden aus den Einrichtungen, die an der Breitenbefragung teilgenommen hatten, 22 „good-practice“-Einrichtungen ausgewählt, die an einer Tiefenbefragung teilnahmen. Die aktuell vorherrschenden Standards und Vorgehensweisen in der Diagnostik und Beratung/Behandlung von Menschen mit pathologischem Internetgebrauch wurden so im Detail abgebildet. Die dritte und letzte Phase der Datenerhebung des Forschungsprojektes fand in Form einer Expertentagung statt. Ausgewiesene Expertinnen und Experten in der Behandlung von Menschen mit pathologischem Internetgebrauch erörterten die Ergebnisse der Breiten- und Tiefenbefragung, differenzierten die vorliegenden Erkenntnisse und entwickelten Impulse zur Weiterentwicklung der aktuellen Versorgungssituation.

Ergänzend dazu wurden in Broschürenform verfügbare Informationsmaterialien zu pathologischem Internetgebrauch identifiziert und bewertet. Insgesamt wurden 83 Broschüren identifiziert. 23 Broschüren informieren über ein spezielles Behandlungs-angebot. Bei den Materialien ohne Bindung an ein Behandlungsangebot fiel auf, dass etwa ein Drittel keine Hinweise über den adäquaten Umgang mit pathologischem Internetgebrauch gibt. Der deutlich überwiegende Teil – insbesondere auch der umfangreicheren Broschüren – wendet sich an Angehörige und Kontaktpersonen von Betroffenen. Broschüren für Betroffene sind selten, darunter insbesondere solche für jugendliche Betroffene.

www.computersuchthilfe.info

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Forschungsprojekt „Exzessive Mediennutzung von Patienten in der Rehabilitation Suchtkranker“ des Bundesverbands stationärer Suchtkrankenhilfe e.V. (‚buss’)

Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage, wie viele Patientinnen und Patienten in der Medizinischen Rehabilitation für Suchtkranke zusätzlich zu ihrer jeweiligen Suchterkrankung eine Störung ihres Computerspiel- oder Internetnutzungsverhalten aufweisen. Die dazu vorliegenden Vermutungen gingen davon aus, dass bei bis zu 10 % der Patientinnen und Patienten eine solche exzessive Mediennutzung vorliegt, ohne dass diese eindeutig identifiziert und adäquat behandelt wird.

Im Rahmen des Projekts wurden in 15 Einrichtungen der Medizinischen Rehabilitation mit Erfahrung in der Behandlung nicht-stoffgebundener Suchtformen insgesamt 1.826 Patienten untersucht, um den quantitativen und qualitativen Umfang des Problems in der stationären Therapie bestimmen zu können. Grundlage dafür war das bereits erprobtes Diagnostik-Instrument der „Sabine Grüsser-Sinopoli Ambulanz für Spielsucht“ im Kompetenzzentrum Verhaltenssucht der Universitätsmedizin Mainz, dessen Nutzen für die diagnostische und therapeutische Praxis in den Einrichtungen der Medizinischen Rehabilitation zugleich überprüft werden konnte.

Die Untersuchung ergab, dass 4,1 % der untersuchten Patienten die Kriterien einer entsprechenden Medienproblematik bzw. Internetsucht erfüllten; weitere 8,9 % wurden als riskante Nutzer klassifiziert.

Die Ergebnisse legen nahe, die Patientinnen und Patienten in stationären Einrichtungen mit Behandlungserfahrungen nicht-stoffgebundener Suchtformen grundsätzlich im Hinblick auf eine mögliche Medien bzw. Internetsucht zu untersuchen und eine vorliegende entsprechende Störung im Therapieverlauf zu berücksichtigen. Abschlussbericht

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