Cannabis als Medizin

Seit Beginn meiner Amtszeit als Drogenbeauftragte habe ich mich dafür eingesetzt, den Zugang zu dieser Therapiemethode zu erweitern: Wem Cannabis wirklich hilft, der soll Cannabis auch bekommen können, in standardisierter und qualitätsgesicherter Form und mit einer Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen.

Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Bei schweren Erkrankungen wie chronischen Schmerzen oder Multiple Sklerose kann Cannabis als Medizin helfen, Symptome zu lindern. Auf Initiative der Drogenbeauftragten wurde ein Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, damit Schwerkranke mit Cannabis behandelt werden können und die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Der Bundestag hat am 19. Januar 2017 in 2./3. Lesung das Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften abschließend beraten:

  • Cannabisarzneimittel sollen als Therapiealternative bei Patientinnen und Patienten im Einzelfall bei schwerwiegenden Erkrankungen eingesetzt werden können, wenn nach begründeter Einschätzung des behandelnden Arztes eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome zu erwarten ist. Dies kann zum Beispiel in der Schmerztherapie, bei bestimmten chronischen Erkrankungen oder bei schwerer Appetitlosigkeit und Übelkeit der Fall sein.
  • Mit Änderungen im Fünften Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) wird die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln auf Cannabisbasis in der gesetzlichen Krankenversicherung erweitert, die bislang grundsätzlich auf zugelassene Fertigarzneimittel im jeweils zugelassenen Anwendungsgebiet begrenzt war. Außerdem wird eine Erstattungsmöglichkeit von Cannabis in Form getrockneter Blüten für schwerkranke Menschen geschaffen, deren Leiden auf anderem Weg nicht gemildert oder behandelt werden können.
  • Die Genehmigungsfrist durch die Krankenkasse soll bei Patientinnen und Patienten, die Leistungen im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung erhalten, höchstens drei Tage betragen. Dadurch wird eine schnelle und unbürokratische Hilfe gewährleistet.
  • Um weitere Erkenntnisse über die Wirkung von Cannabis zu gewinnen, wird eine Begleiterhebung durchgeführt. Dazu übermitteln Ärzte und Ärztinnen ohnehin vorliegende Daten – zum Beispiel zur Diagnose, Therapie, Dosis und Nebenwirkungen – anonymisiert an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Mit der Erhebung sollen auch Informationen zum langfristigen Gebrauch von Cannabis zu medizinischen Zwecken gesammelt werden.
  • Zukünftig soll in Deutschland zudem ein staatlich überwachter Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken erfolgen können. Die damit verbundenen Aufgaben werden – unter Beachtung der völkerrechtlich bindenden Vorgaben des Einheits-Übereinkommens der Vereinten Nationen von 1961 über Suchtstoffe – dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) übertragen (staatliche „Cannabisagentur“). Bis durch die Cannabisagentur ein staatlich kontrollierter Anbau in Deutschland umgesetzt werden kann, soll die Versorgung mit Medizinalcannabis über Importe gedeckt werden.

Das Gesetz ist im Bundesrat nicht zustimmungspflichtig und soll im März 2017 in Kraft treten.

Auch bislang findet Cannabis in Deutschland bei schwerwiegend erkrankten Patientinnen und Patienten medizinische Anwendung. Die Möglichkeiten waren allerdings stark eingeschränkt.

Eine Verschreibungs- sowie Erstattungsfähigkeit durch die gesetzliche Krankenversicherung bestand nur für 

  • das im Jahr 2011 in Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel Sativex®. Dabei handelt es sich um einen Pflanzenextrakt, der neben den beiden hauptsächlich an der Wirkung beteiligten Inhaltsstoffen Delta-9-Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol auch weitere Stoffe der Cannabis-Pflanze enthält. Ärztinnen und Ärzte können Sativex® auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben. Damit ist Sativex® für Patientinnen und Patienten in der Apotheke erhältlich. Sativex® wird angewendet zur Symptomverbesserung bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von Multipler Sklerose, die nicht auf andere Arzneimittel angesprochen haben und bei denen sich während eines Anfangstherapieversuchs eine erhebliche Verbesserung von Symptomen zeigt, die mit der Spastik verbunden sind.
  • ein Nabilon-haltiges Fertigarzneimittel, das seit dem 1.1.2017 unter dem Namen Canemes® verfügbar ist. Bei Nabilon handelt es sich um ein voll-synthetisch hergestelltes Derivat des Delta-9-Tetrahydrocannabinol. Ärztinnen und Ärzte können Canemes® auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben. Damit ist Canemes® für Patientinnen und Patienten in der Apotheke erhältlich. Canemes® wird angewendet zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit einer Chemotherapie und zwar bei den Patientinnen und Patienten, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht adäquat ansprechen. Nabilon ist unter dem Namen Cesamet® u.a. auch in den USA als Fertigarzneimittel zugelassen.
  • Dronabinol, das seit 1998 in Deutschland verkehrs- und verschreibungsfähiger Wirkstoff ist. Bei Dronabinol handelt es sich um natürliches sowie voll- oder teil-synthetisch hergestelltes Delta-9-Tetrahydrocannabinol. Ärztinnen und Ärzte können Dronabinol als Zubereitung auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben. Daraufhin wird in der Apotheke ein Rezepturarzneimittel individuell für die Patientin bzw. den Patienten hergestellt (in der Regel Kapseln oder eine Tropflösung). Im Einzelfall kann auch das u.a. in den USA zugelassene Dronabinol-haltige Fertigarzneimittel Marinol® auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben und über eine deutsche Apotheke bezogen werden.

Cannabisblüten können bislang nur auf der Grundlage einer vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erteilten Ausnahmegenehmigung gemäß § 3 Absatz 2 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) über eine Apotheke beziehen, wobei die Kosten nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden.