„Ach wie gut, dass (k)einer weiß…“

Gruppenangebot für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Meine Mama hört bestimmt mit dem Trinken auf, wenn wir lieb sind und gut in der Schule.

Junge, 9 Jahre alt, Mutter alkoholabhängig

Seit über 11 Jahren gibt es im Caritasverband Paderborn e.V. die Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien, kurz „KiSuFa-Gruppe“ genannt. Kinder mit suchtkranken Elternteilen haben ein hohes Risiko, hinsichtlich Gesundheit und sozialer Teilhabe eigene Problematiken zu entwickeln. Daher wurde dieses primär präventive Angebot gegründet, um die Belastungen von Kindern aus diesen Familien zu reduzieren, funktionale  Anteile der Familienbindung zu stärken und somit ein gesundes Aufwachsen zu fördern.

Die professionell angeleitete Gruppe trifft sich einmal wöchentlich für 1 ½ Stunden in der Paderborner Kernstadt. Das Alter der Kinder bewegt sich zwischen 6 und 11 Jahren, dabei sind Jungen wie Mädchen gleichermaßen angesprochen. Dieses über einen so langen Zeitraum erfolgreich geführte Gruppenprojekt weist folgende zwei Besonderheiten auf:

  1. Zum einen werden die Kinder über eine lange Zeit und durch bedürfnisorientierte inhaltliche Abläufe begleitet, um eine möglichst hohe Nachhaltigkeit zu erzeugen. Insofern beruht das Konzept nicht auf einer festgeschriebenen Form der Vorgehensweise in Modulen, wo eine Zeitvorgabe und inhaltliche Themenabläufe vorstrukturiert werden.
  2. Zum anderen ist es ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der Suchtkrankenhilfe und der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche.

Da unter dem Dach des Caritasverbandes Paderborn e.V. sowohl eine Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche als auch eine Suchtberatungsstelle tätig sind, lag der Gedanke nahe, diese beiden Bereiche hinsichtlich der Erfassung und Versorgung dieser Zielgruppe zu vernetzen. Es ist so möglich, die Kenntnisse und Ressourcen beider Systeme zu nutzen und in eine präventive Gruppenarbeit mit diesen Kindern einzubringen. In dieser Vernetzung liegt der eigentliche innovative Anteil dieses Projektes! Die Gruppe wird geleitet von einer Mitarbei-terin der Suchtkrankenhilfe und einer Mitarbeiterin der Erziehungsberatungsstelle, um beide Kompetenzen zusammenzuführen.

"Ach wie gut, dass (k)einer weiß..."
Bildmotiv Wanderausstellung "Ach wie gut, dass (k)einer weiß..."

Die Kinder entstammen Familien, in denen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch geschieht. Dies kann sowohl hoher Konsum als auch eine bereits bestehende Abhängigkeit eines Elternteils bzw. beider Elternteile sein. Unerheblich ist, in welcher Phase der Abhängigkeit sich der betroffene Elternteil befindet (vor bzw. während der Behandlung, Abstinenz, Rückfall etc.).

Ebenso werden Kinder aufgenommen, in deren Familien eine Glücksspielproblematik herrscht. Die Kinder treffen sich in der Gruppe mit dem Ziel, die eigene Persönlichkeit zu stärken, um so die Chance zu haben, sich zu gesunden Erwachsenen zu entwickeln.

Die Gruppe will den Kindern einen geschützten Raum bieten, um in Kontakt zu kommen mit sich selbst (Selbstwert, Individualität), ähnlichen Erfahrungen anderer Kinder (Entlastung), dem erleichternden Gefühl, darüber sprechen zu dürfen (Ent-Tabuisierung) und familiären, z.T. traumatischen Erlebnissen (Bewältigung). Daraus folgt, die Kinder bei der Wahrneh-mung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse, im Umgang mit Konflikten und „schwierigen“ Gefühlen wie Angst, Einsamkeit, Wut, Schuld, Scham, etc. zu unterstützen. Weiterhin sollen die Kinder den Aufbau von Beziehungen erlernen und erleben können und die Möglichkeit zum Fördern individueller und sozialer Kompetenzen angeboten bekommen. Durch feste, regelmäßige Gruppenrituale werden Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit vermittelt. Sie sol-len Kind sein dürfen mit allem Spaß, mit Erlebnissen, Alternativen und den Rollenverteilun-gen, die sich aus dem Zusammensein mit anderen Kindern ergeben und nicht zuletzt eine altersgerechte Aufklärung über Sucht und Abhängigkeit erfahren.


Die Finanzierung des Projektes ist eine freiwillige Leistung der Stadt und des Kreises Paderborn, durch die eine Stundenzahl für die Mitarbeiterinnen zur Verfügung gestellt und refinanziert wird. Elternarbeit hat sowohl konzeptionell als auch zeitlich einen hohen Stellenwert.

Ziel ist die Motivation der Eltern zu stärken, dem Kind die Gruppenteilnahme stressfrei zu ermöglichen. Sie sollen sich und ihr Kind gut aufgehoben wissen, um ohne Druck Einsicht in inner-familiäre Verhaltensweisen zu gewähren und zu gewinnen und neue Handlungskompetenzen zu erlernen. 

Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist die Zusage der Eltern, ihren Kindern „grünes Licht“ zum Sprechen zu geben und eine eigene Gesprächsbereitschaft, denn regelmäßige begleitende Elterngespräche und auf Wunsch auch Familiengespräche sind fester Bestandteil des Angebots. Information über weitere Hilfen und eine Hilfestellung bei der Suche nach weiteren Unterstützungsmöglichkeiten wird gegeben. Erziehungsberatung als auch eine Auseinander-setzung und Hilfen bezüglich der eigenen Suchterkrankung sind Fragestellungen, die immer wieder Thema in der Elternarbeit sind. Diese Zusammenarbeit geht bis hin zu Kriseninterventionen sowie bei Bedarf einer Zusammenarbeit mit dem Jugendamt sowie anderen Institutio-nen.

Abschließend bleibt die Feststellung, dass die Kinder immer wieder betonen, wie gerne sie zur Gruppe kommen. Sie wissen, dass sie hier andere treffen, die in ähnlich schwierigen Lebenssituationen wie sie selbst leben. Auch wenn dies nicht ständig thematisiert wird, so reicht doch auch das stille Wissen um diese Gemeinsamkeit und schweißt die Gruppe wöchentlich aufs Neue zusammen.