Situation in Deutschland

Medikamente sollen in erster Linie dazu dienen, Krankheiten zu behandeln bzw. deren Symptome zu lindern.
Den nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch – außerhalb des Indikationsgebiets, über die verschriebene Dosis oder Verordnungsdauer hinaus oder in einer anderen als der bestimmungsgemäßen Anwendungsform – bezeichnet man als Medikamentenmissbrauch.
In Deutschland gibt eine Reihe von verkehrs- und verschreibungsfähigen Medikamenten mit Abhängigkeitspotential. Das heißt, dass die regelmäßige Einnahme dieser Mittel über einen längeren Zeitraum zu Symptomen führt, die eine Sucht kennzeichnen.

Es gibt eine klare und einfache Orientierungshilfe zu Arzneimitteln, die ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial haben. Diese Faustregel ist nicht nur für Ärztinnen und Ärzte, sondern auch für Patientinnen und Patienten hilfreich zu wissen:

4-K-Regel

  • klare Indikation (Verordnung nur bei klarem Grund der medikamentösen Therapie und bei Aufklärung über das bestehende Abhängigkeitspotential)
  • korrekte Dosierung (Verschreibung kleinster Packungsgrößen, für die Krankheit angezeigte Dosierung)
  • kurze Anwendung (Dauer der Behandlung vereinbaren, sorgfältige Überprüfung der Weiterbehandlung)
  • kein schlagartiges Absetzen des Medikaments

Folgende Arzneimittelgruppen weisen ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial auf (Quelle: DHS)

Benzodiazepine (z.B. Valium) und deren Analoga (z.B. Zolpidem): In therapeutischen Dosen kann nach zwei bis vier Monaten eine Abhängigkeit entstehen, in sehr hohen Dosen schon nach etwa vier Wochen. Alle Mittel aus dieser Gruppe sind verschreibungspflichtig. Daher sollte bei der Verschreibung sorgfältig auf die Dauer der Verordnungen geachtet werden.

Barbiturate, die heute kaum noch Bedeutung haben (sie werden schwerpunktmäßig nur noch als Antiepileptika verwendet), können eine größere Euphorie als Benzodiazepine auslösen und werden daher oft wiederholt eingenommen. Insbesondere bei relativ geringen Dosierungen werden Patienten lebhafter und wacher, hohe Dosierungen führen dagegen – wie zu erwarten – zu verlangsamten Reaktionen. Dies führt (ähnlich wie beim Alkohol) dazu, dass Barbituratabhängige schon frühmorgens einige Schlaftabletten mit Barbitursäurederivaten einnehmen, um „auf Trab zu kommen“.

Opiate und Opioide: In der kontrollierten Schmerztherapie wird die Gefahr eines Missbrauchs als umstritten angesehen. Es sollten daher bei der Verordnung Indikation, Dosierung und Dauer der Verordnung sorgfältig beachtet werden. Die meisten Mittel müssen auf einem Betäubungsmittelrezept verschrieben werden. Der dauernde nicht mehr indikationsgerechte Missbrauch über zu lange Zeit und mit zu großen Mengen führt insbesondere bei den stark wirkenden Mitteln zur Abhängigkeit. Bei dem nicht-verschreibungspflichtigen Hustenmittel Dextromethorphan sollte auf eine mögliche missbräuchliche Verwendung geachtet werden.

Stimulanzien (z.B. Methylphenidat, Ephedrin): Es besteht die Gefahr, dass diese Mittel missbräuchlich angewendet werden (als Appetitzügler, als „Wachmacher“ oder zum „Hirndoping“), viele der Mittel können aber auch zur Abhängigkeit führen.

Kopfschmerz- und Migränemittel: Arzneimittel aus dieser Gruppe (ob verschreibungspflichtig oder ohne Rezept in der Apotheke zu kaufen) können auf Dauer medikamentenverursachten Kopfschmerz auslösen und sollten daher höchstens drei Tage hintereinander und maximal fünfzehn Tage im Monat angewendet werden.

Nicht-verschreibungspflichtige Hypnotika (H1-Antihistaminika wie Diphenhydramin und Doxylamin): Diese Mittel sollten in der Selbstmedikation nicht länger als zwei Wochen angewendet werden. Ansonsten können nach dem Absetzen die ursprünglich als Behandlungsanlass aufgetretenen Schlafstörungen wieder auftreten.

Abführmittel: Viele solcher nicht-verschreibungspflichtigen Laxanzien werden zur Gewichtsreduktion missbraucht. Daher ist besondere Aufmerksamkeit angezeigt, wenn Mädchen oder junge Frauen häufig Abführmittel einkaufen.

Entwässerungsmittel (Diuretika): Diese Mittel sind verschreibungspflichtig und werden typischerweise bei der Behandlung von Ödemen oder von Hypertonie eingesetzt. Ein Missbrauch findet vor allem zur schnellen Gewichtsreduktion, zur „Entschlackung“ und begleitend zum Doping beim Bodybuilding statt.

Vasokonstriktorische Rhinologika: Solche abschwellenden Nasentropfen oder -sprays führen nach einer Anwendung, die länger als fünf bis sieben Tage dauert, relativ rasch zu einem Rebound, also zu einem reflektorischen starken Anschwellen der Nasenschleimhaut. Das zieht eine oft monate- und jahrelange Verwendung dieser Mittel nach sich, wobei auf Dauer die Funktion der Schleimhaut zerstört wird.

Alkoholhaltige Arzneimittel: Vorsicht ist geboten bei allen Arzneimitteln, die auf Alkoholbasis im Handel sind. Hierzu gehören vor allem Geriatrika, Erkältungssäfte oder Melissengeist. Auch solche Mittel werden missbraucht und können eine bestehende Abhängigkeit unterstützen oder eine bereits behandelte erneut auftreten lassen.

Forschungsprojekt

Seit vielen Jahren belegen Untersuchungen, dass Benzodiazepine und Z-Substanzen auf breiter Basis in der Bevölkerung nicht bestimmungsgemäß eingenommen werden. Mit steigendem Alter nimmt dieses Verhalten zu. In zwei Forschungsprojekten des Universitätsklinikums Eppendorf und der Universitätsmedizin Göttingen wurden die Ursachen der Langzeiteinnahme und Konzepte zur Risikokommunikation bei älteren Patienten und Patienten sowie die Schnittstelle von Krankenhaus und Hausarztpraxen untersucht.

Konsum und Prävalenzen in Deutschland

Auf Basis der Daten des Epidemiologischen Suchtsurvey 2015 kann davon ausgegangen werden, dass 47.1 % der 18- bis 64-Jährigen in den letzten 30 Tagen Schmerzmittel einnahmen. Seltener wurden Antidepressiva (4.0 %), Schlaf-/Beruhigungsmittel (3.7 %), Neuroleptika (1.4 %), Anregungsmittel (0.7 %) und Appetitzügler (0.1 %) genutzt. Verglichen mit anderen psychoaktiven Substanzen zeigte sich für Arzneimittel ein umgekehrtes Geschlechterverhältnis mit einem häufigeren Konsum unter Frauen. Während der Gebrauch von Schlaf-/Beruhigungsmitteln und Antidepressiva mit dem Alter anstieg, wurden Schmerzmittel im mittleren Erwachsenenalter am häufigsten eingenommen.

Einen klinisch relevanten bzw. problematischen Konsum auf Basis des Kurzfragebogens zum Medikamentengebrauch (KFM) wiesen 6.0 % der 18- bis 64-jährigen Frauen und 4.5 % der gleichaltrigen Männer auf. Dies entspricht einer geschätzten Gesamtzahl von 2.65 Mio. Personen mit medikamentenbezogenen Problemen in Deutschland.

Warum werden Medikamente missbräuchlich eingenommen? (Quelle: DHS)

Das häufigste Motiv für eine Medikamenteneinnahme ist der Wunsch, negative psychische Symptome wie Schmerzen, Schlafstörungen, Ängste oder Depressionen zu beseitigen. Besonders bei Schmerzmitteln findet sich häufig eine Konstellation folgender Art: Die Betroffenen haben bereits längere Zeit psychische Probleme, die nicht adäquat behandelt wurden. Davon unabhängig entwickelt sich zum Beispiel durch einen Unfall oder eine Krankheit ein Schmerzsyndrom, das mit Opiaten behandelt werden muss. Die  stimmungsaufhellende Wirkung führt dazu, dass die Betroffenen diese Substanzen weiter einnehmen, unter Umständen auch dann noch, wenn die Schmerzen schon lange nicht mehr bestehen.

Ein weiterer Hintergrund für die Einnahme von Medikamenten bezieht sich vor allem auf opiathaltige Schmerzmittel, insbesondere die nicht-retardierten Formen. Schnell anflutende opiathaltige Schmerzmittel (insbesondere Tropfendarreichung) führen zu einer leicht euphorisierenden Wirkung, ähnlich dem „Kick" bei Heroin. Diese Wirkung wird dann im Weiteren immer häufiger gesucht. Durch die leichte Injizierbarkeit besteht ein weiteres Missbrauchs-Risiko.

Amphetamine und frei verkäufliche Schmerzmittel – vor allem koffeinhaltige Mischpräparate – werden zur unmittelbaren Leistungssteigerung eingesetzt. Aber auch Monopräparate wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure führen bei manchen Anwenderinnen und Anwendern zu einem Gefühl von „klarem Kopf“ und „vermehrter Leistungsfähigkeit“. Bei der indirekten Leistungssteigerung geht es darum, durch Medikamente abschalten zu können, zur Ruhe zu kommen, schlafen zu können, um trotz Anspannung und Überforderung am nächsten Tag wieder fit zu sein. Dies funktioniert vor allem mit den Schlaf- und Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine und Non-Benzodiazepine, mit Barbituraten, aber auch mit schlafanstoßenden Antidepressiva.