Situation in Deutschland

Verhalten und Diagnose

Glücksspiel kann von anderen Spielformen wie beispielsweise Gesellschaftsspielen besonders über das Kriterium „Einsatz von Geld“ unterschieden werden. Dieser Einsatz von Geld kann bei einem auffälligen Spielverhalten bis hin zum Kontrollverlust, weitreichende negative persönliche und gesellschaftliche Effekte haben. Betroffene Personen gefährden bei hohen finanziellen Verlusten und zwanghaftem („spielsüchtigem“) Verhalten nicht selten ihre finanzielle und gesellschaftliche Existenz. Finanzielle Verluste, Abhängigkeit, psychische und emotionale Belastungen, Konflikte in der Familie oder am Arbeitsplatz können die Folgen sein. Das pathologische (zwanghafte) Glücksspiel wurde mittlerweile im internationalen diagnostischen System der International Classification of Diseases (ICD) der Weltgesundheitsorganisation als eigenständige psychische Erkrankung anerkannt.

Prävalenzen des Glücksspielverhaltens

Hochgerechnet auf die Bevölkerung zeigen etwas mehr als 500.000 Menschen in Deutschland ein problematisches bzw. pathologisches Glücksspielverhalten. Befragte mit problematischem Spielverhalten präferieren besonders Internet-Casinospiele, Geldspielautomaten, Bingo und Oddset-Sportwetten sowie das „Kleine Spiel“ in der Spielbank. Ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko für problematisches und pathologisches Glücksspielverhalten findet sich bei einem Alter bis 25 Jahre, bei niedriger Bildung (maximal Hauptschulabschluss), bei einem niedrigen Haushaltsnettoeinkommen (maximal 1.500 Euro), bei jungen Männern mit Migrationshintergrund, einer mindestens wöchentlichen Spielweise sowie bei monatlichen Geldeinsätzen für Glücksspiel über 100 Euro.

Prävalenzen des Glücksspielverhaltens bei Jugendlichen und Erwachsenen

Prävalenzen des Glücksspielverhaltens bei Jugendlichen und Erwachsenen

Problematisches Glücksspiel bei Jugendlichen (16-17 Jahre)

Problematisches Glücksspiel bei Jugendlichen (16-17 Jahre)

Teilnahme an irgendeinem Glücksspiel

Teilnahme an irgendeinem Glücksspiel (16-70 Jahre)

Problematisches und pathologisches Glücksspielverhalten (16-70 Jahre)

Problematisches und pathologisches Glücksspielverhalten (16-70 Jahre)

Das Angebot von Glücksspielen geht für die Freizeitspieler mit Spielfreude einher, beschert den Anbietern Unternehmensgewinne und dem Staat Steuereinnahmen. Zugleich entstehen aus dem Angebot von Glücksspielen auch negative Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft. Diese erwachsen im Wesentlichen aus dem Phänomen der Spielsucht, durch welche das Spielverhalten zwanghaft und unkontrolliert wird. Weitere negative Folgen haben ihre Ursache in Begleitkriminalität wie Wettmanipulation oder Geldwäsche.

Für eine gesamtgesellschaftliche Bewertung von Glücksspielen müssen die Kosten dem Nutzen gegenübergestellt werden. Für derlei Analysen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine standardisierte Methodik entwickelt. Wird für Deutschland eine Anzahl von 195.000 pathologischen und 245.000 problematischen Spielern (Mittelwert über verschiedene Studien) zugrunde gelegt, ergibt sich aus den von der WHO als relevant erachteten Effekten ein gesamtgesellschaftlicher Nettoeffekt von –411 Millionen Euro pro Jahr. Hierbei bleiben allerdings jegliche Kosten unberücksichtigt, die von den Spielern selbst getragen werden, da angenommen wird, dass diese vollständig rational handeln und auch ein Spielsüchtiger mehr Spielfreude als negative Konsequenzen erfährt. Weiterhin werden immaterielle (intangible) Effekte, wie zum Beispiel das Leid von Spielsüchtigen und deren Angehörigen, aus der Analyse ausgeschlossen. Wird auf die Annahme vollständiger Rationalität zugunsten der Annahme teilrationaler Spieler verzichtet und werden auch immaterielle Effekte berücksichtigt, dann ergibt sich ein Wohlfahrtsschaden von fast 7 Milliarden Euro pro Jahr (Fiedler, 2016). Die verschiedenen Spielsegmente weisen stark unterschiedliche Effekte auf.

Während Lotterien aufgrund der geringen Suchtgefahr eine insgesamt positive Wohlfahrtsbilanz aufweisen, sind Spielautomaten in Spielhallen, Gaststätten und staatlichen Spielbanken am schädlichsten. Solche volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analysen sind aufgrund vieler Limitationen in der Datengrundlage und zu treffender Annahmen zwangsläufig ungenau. Trotz exakter Zahlenwerte sollten die Ergebnisse daher nur als Gradmesser verwendet werden.

Die Zuständigkeit für die Glücksspielregulierung liegt ganz überwiegend bei den Bundesländern. Grundlage für die Regulierung auf Länderebene ist der Glücksspielstaatsvertrag. Dieser formuliert das Ziel, das Entstehen von Spielsucht zu verhindern und durch ein begrenztes Glücksspielangebot Voraussetzungen für eine wirksame Suchtprävention zu schaffen.

Das Glücksspiel erfordert differenzierte Maßnahmen für die einzelnen Glücksspielformen, die spezifische Sucht-, Betrugs-, Manipulations- und Kriminalitätspotenziale berücksichtigen.

Zu regeln sind auch Art und Umfang der Werbung für Glücksspiele, die sich an diesem Ziel ausrichten müssen. Alle Bundesländer haben dafür eine gemeinsame Werberichtlinie erlassen. Die konkrete Gestaltung der Werbung sollte das spezifische Gefährdungspotenzial des beworbenen Glücksspielprodukts berücksichtigen.

Der Glücksspielstaatsvertrag ist immer im Zusammenhang mit den Spielhallengesetzen der Länder zu sehen, die die Zulassung von Spielhallen regeln. Für die Geldspielautomaten selbst gilt die sogenannte Spielverordnung; der einzige Bereich, für den der Bund zuständig ist.

Die Spielverordnung regelt die Anforderungen an Geldspielgeräte, die diese bei der Bauartzulassung und der Aufstellung erfüllen müssen. Mit der Novellierung der Spielverordnung im Jahr 2014 wurden die Anforderungen an Geldspielgeräte weiter verschärft, um den Spieler- und Jugendschutz zu verbessern. Nach dem 10. November 2018 dürfen Geldspielgeräte mit einer Bauartzulassung, die vor dem 10. November 2014 erteilt wurde, nicht mehr betrieben werden. Am 10. November 2019 wird eine weitere Verschärfung in Kraft treten: Von diesem Zeitpunkt an dürfen in Gaststätten nur noch höchstens zwei (statt bisher drei) Geldspielgeräte aufgestellt werden.

Mit dem Ablauf der Übergangsfrist müssen Spielhallen seit dem 1. Juli 2017 die Vorgaben der Spielhallengesetze über die Mindestabstände einhalten. Deren Umsetzung stellt die Vollzugsbehörden vor erhebliche Herausforderungen. Denn zu entscheiden ist, welche Kriterien bei der Auswahlentscheidung unter Spielhallen anzuwenden sind, die den geforderten Mindestabstand zueinander nicht einhalten. Diese Frage ist bereits Gegenstand zahlreicher Rechtsstreitigkeiten in den Ländern.

Die Ministerpräsidentenkonferenz hatte 2016 neue Regelungen im Glücksspielstaatsvertrag zum Thema Sportwetten beschlossen, die mehr Rechtssicherheit für Sportwettanbieter und Spieler bieten sollten. Sie waren Gegenstand des Zweiten Glücksspieländerungsstaatsvertrags. Diese Änderungen konnten allerdings nicht wie vorgesehen zum 1. Januar 2018 in Kraft treten, da der Änderungsstaatsvertrag nicht wie erforderlich von allen Ländern ratifiziert wurde. Die Ministerpräsidentenkonferenz sucht nunmehr nach einer Lösung, der alle Länder zustimmen können.